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CD-Besprechung

Johannes Brahms

Piano Concerto no. 1 | Tragic Overture

harmonia mundi HMM 902602

1 CD • 74min • 2020

09.10.2021

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Ivor Bolton, Alexander Melnikov und das Sinfonieorchester Basel interpretieren das erste Klavierkonzert op. 15 von Johannes Brahms, die ebenfalls in d-moll stehende Tragische Ouvertüre op. 81 sowie die bei der fatalen Leipziger Erstaufführung des Konzerts ebenfalls gespielte Ouvertüre zu Eliza von Luigi Cherubini in historisch informierter Aufführungspraxis. Der Clou ist hierbei, dass anstatt eines modernen Flügels ein Blüthner von 1859, dem Jahr der Aufführung im Gewandhaus, zum Einsatz kommt.

Zwei lange unterschätzte Werke

Die Tragische Ouvertüre gehört zu den eher selten gespielten Orchesterwerken von Johannes Brahms. Das mag an ihrem durchweg düsteren, wenig tröstlichen und abweisenden Charakter liegen und womöglich auch an ihrem bewussten Mangel an orchestraler Brillanz. Ivor Bolton benötigt für das Werk gut 15 Minuten und somit ein Fünftel mehr als die meisten seiner Kollegen. Ich empfinde diese Gangart als schlüssig, da der Trauermarsch-Charakter der im halben Tempo zu nehmenden Durchführung ansonsten nicht deutlich genug würde (Viertel 86 im Mittelteil = Halbe 86 in den Eckteilen, was durchaus noch der Vorschrift „Allegro moderato“ entspricht).

Das Klavierkonzert wurde bei der Leipziger Erstaufführung ausgepfiffen und die Kritik merkte Folgendes an: „Und dieses Würgen und Wühlen, dieses Zerren und Ziehen, dieses Zusammenflicken und wieder Auseinanderreißen von Phrasen und Floskeln muß man über Dreiviertelstunde lang ertragen! Diese ungegohrne Masse muß man in sich aufnehmen und muß dabei noch ein Dessert von den schreiendsten Dissonanzen und mißlautendsten Klängen überhaupt verschlucken!“

Woran lags? Nun, Brahms hatte einen neuen Konzerttypus geschaffen, zu dem eventuell die 5. Symphonie von N.W. Gade Pate – ebenfalls in d-moll und mit obligatem Klavier – gestanden haben könnte und den man als symphonisch bezeichnen kann. Klavier und Orchester stehen sich wie „Chori spezzati“ bei Schütz und Gabrieli gegenüber. Die Harmonik ist für 1859 avanciert (der Anfang auf einem B-Dur Quintsextakkord könnte sich genauso gut nach es-Moll auflösen, wird aber einen Halbton nach unten als Dominante von d-moll gerückt. Was macht ein b-Moll-Abschnitt in der Exposition eines Werkes in d-Moll?). Die Themen sind auf symphonische Expansion angelegt, was bereits Bruckner bemerkte. Freiheiten in der Reprise lassen den Ersthörer im Unklaren darüber, wo er sich im Verlauf des Kopfsatzes eigentlich befindet.

Zeitgenössischer Flügel

Der Blüthner-Flügel von 1859 verleiht dem Klavierpart ein eigenes Klanggepräge. Durch seinen schlankeren, milderen Klang nimmt er den dichten Texturen des Klaviersatzes die Schwere. Der Diskant ist weicher, weniger obertönig und verklingt schneller. Dafür haben die 3 unteren Oktaven eine nasale Beimischung, durch die sich Linien besser zeichnen lassen. Also mehr Holz und weniger Stahl und Wucht.

Melnikov und Bolton gelingt hier eine durchaus überzeugende Interpretation, die das Intime und Empfindsame des Werks in den Vordergrund rückt. Das ist – vielleicht auch gerade wegen des vibratoarmen Orchesterspiels und des schlanken, feinen Klavierklangs – eine vorwiegend poetische Lesart, die die verletzliche Seite eines jungen Mannes hervorhebt, die dieser später meisterhaft hinter Zigarrenrauch, Bart und Bauch zu tarnen wusste. In diesem Kontext erweisen sich auch Agogik und Phrasierung als durchweg nachvollziehbar. Phrasen werden ruhig ausmusziert, ohne ihr Ziel zu verlieren. Die rhythmische Komplexität mancher Klavierpassagen gewinnt durch die Transparenz des Instruments an Kontur. Köstlich die weichen Doppeltriller im Adagio.

Aufnahmetechnisch gelang die Einbettung des Flügels in den Gesamtklang sehr gut. Der Booklet-Text geht in Ordnung.

Fazit: Eine ungewohnt poetisch-intime Lesart der beiden Brahms-Werke, die dazu angetan ist, Hörgewohnheiten hinsichtlich des „knorrigen Brahms“ aufzubrechen. Pianisten, die gerade Brahms, Liszt oder auch Reger studieren, sollten die Aufnahme unbedingt hören, um zu erfahren, welchen Klavierklang die Komponisten zwischen 1860 und 1900 im Ohr hatten. Die Cherubini-Ouvertüre ist eine nette, abrundende Zugabe und hellt die Stimmung am Ende erheblich auf.

Thomas Baack [09.10.2021]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Johannes Brahms
1Tragische Ouvertüre d-Moll op. 81 00:15:25
2Konzert Nr. 1 d-Moll op. 15 für Klavier und Orchester 00:50:05
Luigi Cherubini
5Éliza, ou Le Voyage aux Glaciers du Mont Saint-Bernard (Ouverture) 00:08:37

Interpreten der Einspielung

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