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CD-Besprechung

Hans Winterberg

Sinfonia drammatica • Piano Concerto No. 1 • Rhythmophonie

Capriccio C5476

1 CD • 65min • 2021

09.06.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 10

Klassik Heute
Empfehlung

Der verschlungene Weg des deutschsprachigen Prager Juden Hans Winterberg (1901-1991), vor allem der zunächst fragwürdige Umgang mit seinem Nachlass, den man versuchte, bis 2030 unter Verschluss zu halten, kann hier nicht nachgezeichnet werden. Immerhin ist die Musikgemeinde seit wenigen Jahren um eine Neuentdeckung reicher, die musikhistorisch ihresgleichen sucht. Denn als einer der wenigen in Theresienstadt internierten Komponisten entging Winterberg – anders als die berühmteren Kollegen Viktor Ullmann, Hans Krása, Pavel Haas oder Gideon Klein – der Deportation nach Auschwitz vom Oktober 1944. Somit ist Winterberg quasi der einzige Theresienstädter Überlebende, der noch gute 40 Jahre weiter komponierte. Karel Ančerl etwa konzentrierte sich nach dem Holocaust ganz aufs Dirigieren.

Winterberg zog noch 1945 nach Bayern, arbeitete lange als Lektor beim Bayerischen Rundfunk. Auch wurden zahlreiche seiner Werke – so drei der vier Klavierkonzerte – aufgeführt und schlummern noch in den Rundfunkarchiven. Da sie jedoch ungedruckt blieben, findet Winterbergs Musik erst durch die neuerliche Erschließung durch das Exilarte Zentrum (Wien) und den Verlag Boosey & Hawkes endlich ins aktive Musikleben zurück. Ausführlichere Informationen findet der Leser z.B. hier: www.boosey.com/downloads/NB88webES_Winterberg.pdf

Wichtige Brücke zwischen Ost und West

Nach neuen CD-Einspielungen mit Klavierwerken, Kammermusik und Liedern, ist die vorliegende Veröffentlichung die erste, die sich mit Orchesterwerken auseinandersetzt – und das mit wirklichen Spitzenkräften. Die aus drei unterschiedlichen Schaffensperioden stammenden Stücke zeigen klar, wie Winterbergs Musik ein letztlich sehr persönliches, eigenständiges Bindeglied zwischen einerseits tschechischen Traditionen – in der Nachfolge Janáčeks – und solchen der Zweiten Wiener Schule (Schönberg) darstellt. Erstere finden sich in der Symphonie Nr. 1 (Sinfonia drammatica) von 1936: ein fesselnd intensiver Einsätzer. Johannes Kalitzke und das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin erfassen beim 15-minütigen Stück sowohl die ausgezeichnete Orchestrierung von expressionistischer Farbigkeit als auch die enorme Emotionalität, die trotz konzentrierten Rahmens fast Mahlersche Größe erreicht.

Schon das 1. Klavierkonzert macht Lust auf mehr

Das 1. Klavierkonzert von 1948 dauert mit seinen drei Sätzen ebenfalls nur eine Viertelstunde. Der britische Pianist Jonathan Powell – er spielte unlängst auf Einladung Igor Levits beim Heidelberger Frühling Sorabjis achtstündige Sequentia Cyclica – konnte nicht nur als Solist gewonnen werden; er kümmert sich auch um die Edition von Winterbergs Klavierkonzerten. Kein Wunder, dass dieser technisch momentan fast unschlagbare Künstler hier den Hörer unmittelbar verzaubert. Und für ein Klavierkonzert dieser Zeit überrascht das Orchester mit einer ungewöhnlichen Breite der Farbpalette. Nach einem kurzen, freundlichen Vorspiel (1. Satz) mit folkloristisch-pastoralem Einschlag folgen ein tiefgründiges, trauermarschartiges Zwischenspiel (2. Satz) sowie ein hochenergetisches, rhythmisches Nachspiel. Die teils modal geprägte, aber über Strecken äußerst chromatisch daherkommende Harmonik und die gut versteckten thematischen Bezüge zwischen den Abschnitten machen jedenfalls sofort Lust auf mehr.

Faszinierende Rhythmophonie

Kam eine geplante Aufführung der Rhythmophonie (1966/67) zu Winterbergs Lebzeiten nicht zustande, weil sich das Orchester seinerzeit daran die Zähne ausbiss, sorgt diese CD bei diesem in der Tat komplizierten, großkalibrigen Werk für absolute Klarheit. Was für ein atemberaubendes, herausforderndes Konstrukt, das den Hörer trotz – oder gerade wegen? – der vielschichtigen Polyrhythmik nach kurzer Eingewöhnung doch gefangen nimmt! Klar, dass hier der Rhythmus und in der Instrumentation oft das Schlagwerk dominiert – allerdings mit dem genauen Gegenteil von Monotonie. Spätestens hier hat Winterberg seine höchst individuelle Antwort auf den Serialismus gefunden. Aufnahmetechnisch ist das in Co-Produktion mit Deutschlandfunk Kultur entstandene Album erstklassig. Dasselbe gilt für die präzise formulierten Booklettexte von Michael Haas – vielen bekannt als Produzent der Decca-Serie Entartete Musik – sowie Jonathan Powell. Man darf Capriccio nur ermutigen, Winterbergs Orchestermusik weiterhin zu verfolgen. Für alle interessierten Hörer, nicht nur von „Exil-Komponisten“, eine Entdeckung mit ganz dickem Ausrufezeichen!

Martin Blaumeiser [09.06.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Hans Winterberg
1Sinfonie Nr. 1 (Sinfonia drammatica) 00:15:46
2Klavierkonzert Nr. 1 00:15:17
5Rhythmophonie 00:33:41

Interpreten der Einspielung

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