Jacob Schuback
Brockes-Passion

cpo 555 705-2
2 CD • 2h 16min • 2024
31.03.2025
Künstlerische Qualität:
Klangqualität:
Gesamteindruck:
Klassik Heute
Empfehlung
Erstaunlich, wie viele Komponisten und Literaten des deutschen Barocks einen juristischen Hintergrund hatten. Hierzu gehören J.H. Schein, J. Kuhnau, der neben dem Thomaskantorat noch eine Kanzlei betrieb, Telemann, C. Graupner sowie die Bach-Söhne Friedemann und Carl Philipp Emanuel. Eine echte Doppelung legt die Capella Cathedralis Fulda begleitet von L’Arpa festante unter der Leitung von Franz-Peter Huber nun mit der Brockes-Passion des Hamburgischen Senatssyndicus Jacob Schuback (1726-1784) in Ersteinspielung vor. Hauptberuflich war Schuback Jurist und als Diplomat Hamburgs Vertreter beim „Immerwährenden Reichstag“ in Regensburg. Sein Vater amtierte von 1754 – dem Entstehungsjahr der Komposition – bis 1782 als Bürgermeister der Stadt. Da der Textdichter Barthold Heinrich Brockes – ebenfalls Jurist und Diplomat – und Vater Schuback seit 1737 Senatorenkollegen waren, dürften Librettist und Komponist sich näher gekannt haben.
Patrizier-Passion
Sowohl Brockes als auch Schuback, der als Schüler des Johanneums von Georg Philipp Telemann ausgebildet wurde, entstammten dem wohlhabenden Patriziat der Hansestadt. So lag es nahe, dass Schuback für seine erste repräsentative Komposition, die womöglich eine Abschlussaufgabe des Lehrers Telemann „im oratorischen Stylo“ darstellt, das seit 1712 mindestens zehnmal vertonte Libretto des berühmten Ratsherrn wählte. Womöglich hat Telemann gesagt: „Ich habe den Text vor bald vierzig Jahren für Frankfurt komponiert und meine Version wird allhier immer noch alljährlich aufgeführt, schau also einmal, wie Du damit zurechtkommst.“ Und Schuback kam damit durchaus zurecht. Wenn man den Komponisten raten sollte, würde man auf ein Werk Telemanns oder Grauns aus der Zeit zwischen 1740 und 50 schließen. Merkwürdig ist allerdings die nur sporadische Verwendung von Blasinstrumenten (2 Oboen, 1 Flöte, 1 Horn). Dies mag daran gelegen haben, dass das Werk wohl nur im privaten Kreis aufgeführt wurde. Sehr geschickt fasst er einige als Arien vorgesehene Stücke zu Accompagnati zusammen. Dabei sind die Anforderungen an die Gesangssolisten durchaus beachtlich, während die eher flächigen Chorsätze sich gut chorisch ausführen lassen. Wer einen Blick in die Partitur werfen möchte, kann auf das Digitalisat einer sehr sauberen Kopistenabschrift über die Webpräsenz der Deutschen Staatsbibliothek, Berlin zugreifen.
Der Komponist, der sich für den Bau des ersten reinen Konzertsaals (Auf dem Valentinskamp, 1761 eröffnet) in Hamburg einsetzte, verfasste auch einen Traktat zur musikalischen Prosodie deutscher Texte. Dessen praktische Anwendung demonstrierte er mit Die Jünger zu Emmaus, einem Oratorium, zu dem er das Libretto selbst verfasste. Das Szenario sollte ihm eigentlich Pietro Metastasio erstellen, dessen La Passione di Gesu Christo er bereits vertont hatte. Metastasio lehnte jedoch ab, da ihm zur eher statischen Emmaus-Geschichte nichts Dramatisches einfiel. Im Übrigen scheint der Kontakt zur Familie Telemann lange Bestand gehabt zu haben, da ihm der Enkel Georg Michael 1773 seinen Unterricht im Generalbaß-Spielen widmete.
Ausgezeichnete Live-Aufnahme
Eine unbekannte Komposition derart souverän im Konzert abzuliefern, muss als Meisterleistung gelobt werden. Das gilt für die durchweg souveränen Solisten, – wenn auch Therese von Bibra in der umfangreichen Partie der Tochter Zion etwas eng zu werden droht – die vor allem ausgesprochen textverständlich artikulieren. Das gilt für das engagiert spielende Orchester, vor allem für die trotz langer Wartezeiten außerordentlich intonationssicheren Bläser. Das gilt für den homogen klingenden Chor der Capella Cathedralis Fulda. Vor allem aber gilt es für die ungemein sorgfältige Vorbereitung des Konzerts durch Franz Peter Huber.
Aufnahmetechnisch gibt es nichts zu bemängeln. Das Booklet ist hinsichtlich Komponist und Werk informativ. Allerdings fehlt ein Abdruck des Librettos, das man sich aber per QR-Code bei jpc herunterladen kann, was wiederum durch eine schlankere Box Platz im Regal freilässt.
Fazit: Eine höchst gelungene Ersteinspielung eines Werks auf dem kompositorischen Niveau von C.H. Grauns Der Tod Jesu oder der späten Passionen Telemanns. Schubacks Brockes-Passion kann somit allgemein als eine durchaus empfindsame Alternative zu den ubiquitären Bach-Passionen empfohlen werden.
Thomas Baack [31.03.2025]
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Komponisten und Werke der Einspielung
Tr. | Komponist/Werk | hh:mm:ss |
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CD/SACD 1 | ||
Jacob Schuback | ||
1 | Brockes-Passion (Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus) | 02:16:14 |
Interpreten der Einspielung
- Theresa von Bibra (Sopran)
- Franziska Blömer (Sopran)
- Leonie Domesle (Sopran)
- Christian Rohrbach (Countertenor)
- Hans-Jörg Mammel (Tenor)
- Matthias Horn (Bass)
- Matthias Vieweg (Bass)
- Capella Cathedralis Fulda (Chor)
- L'Arpa festante (Ensemble)
- Franz-Peter Huber (Dirigent)