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CD-Besprechung

Moritz Winkelmann

Beethoven – Lachenmann

hänssler CLASSIC HC21046

1 CD • 77min • 2021

26.04.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 10
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Mit der vorliegenden CD legt der Pianist Moritz Winkelmann, Preisträger beim Bonner Beethoven-Wettbewerb 2015, sein Debütalbum vor, und Beethoven steht auch hier – mit seinen letzten drei Klaviersonaten – im Zentrum. Als Scharniere zwischen den drei großen Sonaten fungieren dabei zwei kürzere Klavierstücke aus der Feder Helmut Lachenmanns, eine Kombination, die der CD sicherlich ein gewisses Alleinstellungsmerkmal verleiht.

Klare, lebendige Interpretationen mit reicher Agogik

Winkelmanns Spiel ist im Grundsatz lebendig, temperamentvoll, auch an Stellen wie in der vierten Variation der Arietta eher klar als geheimnisvoll; pianistisch sind die Darbietungen ohnehin makellos. Besonderen Wert legt Winkelmann auf das fantasiehafte Moment, das diesen Werken (gerade op. 109 und op. 110) innewohnt. Man beachte etwa, wie er die gewichtigen Adagio-Einschübe im einleitenden zarten Vivace der Sonate Nr. 30 auskostet; dass hier die dynamische und atmosphärische Spannbreite größer ist als in den schnellen Partien dieses Satzes, hebt Winkelmann klar hervor. Doch auch im Prestissimo des zweiten Satzes räumt er dem retardierenden Moment, das z.B. mit den espressivo-Passagen einhergeht, einen großen Stellenwert ein. Grundsätzlich eng am Notentext orientiert, sind es denn auch insbesondere agogische Freiheiten, die Winkelmanns Interpretationen auszeichnen, oft in Form eines kleinen Zögerns, das Strukturen, Stimmungs- und Farbenwechsel markiert oder den Gipfelpunkt melodischer und dramaturgischer Bögen leicht hervorhebt.

Reizvolle Details und bewusstes Gestalten

Vieles davon erscheint stimmig, in den Details oft genug sehr reizvoll. Den klassizistisch anmutenden ersten Satz der As-Dur-Sonate etwa spielt Winkelmann poesievoll-romantisch, immer wieder mit kleinen Verzögerungen, kurzem Innehalten, allerdings wenigstens tendenziell leicht zulasten der großen Linie, sodass der Gesamteindruck (insbesondere dieser Sonate) trotz vieler sehr schön realisierter Momente etwas disparat gerät. Andererseits beweist Winkelmann in den ersten drei Variationen der Arietta der Sonate Nr. 32 eine überzeugende Disposition des musikalischen Verlaufs, indem er die Steigerung von der ruhig fließenden ersten Variation über die allmähliche Verdichtung der musikalischen Strukturen in der zweiten Variation bis hin zur beinahe tänzerischen Ausgelassenheit der dritten Variation so nachvollzieht, dass dieser Ausbruch eben nicht aus heitem Himmel geschieht, sondern bewusst vorbereitet erscheint. Bewusst gestaltet ist auch der Variationssatz in der E-Dur-Sonate, allerdings mit kleineren Fragezeichen: so geht Winkelmann etwa bei der trillergesättigten Apotheose des Themas (im Forte) bereits ab Takt 181 in der Dynamik zurück, und bei der Wiederholung des Themas ganz am Schluss versieht er den sforzato-Akkord in Takt 201 mit einer lang ausgekosteten Fermate – grundsätzlich natürlich absolut vertretbar, hier aber doch etwas zu explizit, zu absichtsvoll ausgereizt. Bei aller Detailkritik sind Winkelmanns Beethoven-Lesarten aber als gelungenes CD-Debüt zu bezeichnen, auch vor dem Hintergrund der enormen diskographisch erfassten Interpretationsgeschichte dieser Werke.

Zwischen Verklingen und Parodie

Bei den beiden (jeweils rund fünfminütigen) Lachenmann-Stücken handelt es sich um die frühe Wiegenmusik (1963) und die viel jüngere Marche fatale (2016/17). Allein von den Namen her wirkt der Kontrast zwischen Beethoven und Lachenmann natürlich erst einmal groß, wobei relativierend angemerkt werden muss, dass keines der beiden Stücke den Lachenmann der Musique concrète instrumentale repräsentiert: die Wiegenmusik ist eher atmosphärisch-klangsinnlich angelegt, Arpeggien, Klangfarben und Verklingen aushörend, während es sich bei der Marche fatale um eine faktisch nahezu durchgängig tonale Marschparodie handelt (bis hin zum Liebestraum-Zitat). Ich bin eher skeptisch, ob die Lachenmann-Einschübe wirklich (wie im Beiheft nahegelegt) dazu führen, dass man den späten Beethoven „neu erfährt“; dazu sind die Bezüge zwischen den Werken nicht zwangsläufig genug, und Beethovens Sonaten stehen – ungeachtet all dessen, was in der Welt der Musik danach so alles geschehen ist – ohnehin für sich. Aber auch ohne diesen Anspruch ist die Kombination zweier Komponisten, mit denen sich Winkelmann in besonderem Maße verbunden fühlt, natürlich legitim, erst recht, zumal Winkelmann die beiden Lachenmann-Stücke exzellent vorzutragen weiß mit Sinn für ihre Eigenheiten, ob nun im Nachhören von Klängen oder in der Parodie. Der Klang der CD ist tadellos, das Beiheft gibt sich wenigstens stellenweise eher populär („Happy End“ in der Sonate op. 110?, „verzweifeln“ Musikwissenschaftler wirklich an der zweisätzigen Anlage von op. 111?).

Holger Sambale [26.04.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Ludwig van Beethoven
1Klaviersonate Nr. 30 E-Dur op. 109 00:19:22
Helmut Lachenmann
4Wiegenmusik 00:04:11
Ludwig van Beethoven
5Klaviersonate Nr. 31 As-Dur op. 110 00:19:42
Helmut Lachenmann
8Marche fatale 00:05:39
Ludwig van Beethoven
9Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111 00:28:03

Interpreten der Einspielung

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