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CD-Besprechung

Bassoon Steppes

Orchid Classics ORC100190

1 CD • 63min • 2021

14.06.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

In jüngster Zeit sind eine Reihe von exzellenten Alben junger Fagottisten erschienen, die ein eindrucksvolles Bild vom Facettenreichtum des Instruments und von der außerordentlich hohen Spielkultur der Musiker liefern. Widmeten sich letztes Jahr Theo Plath und Sophie Dervaux französischer Musik des späten 19. und (frühen) 20. Jahrhunderts in Original und (angesichts des schmalen Repertoires mehr oder minder notwendigerweise) Bearbeitung, so stellt nun Lola Descours, Solofagottistin der Frankfurter Oper und Preisträgerin des Tschaikowski-Wettbewerbs 2019, unter dem Titel „Bassoon Steppes“ ein Programm mit russischer Musik vor, abgesehen von einer speziell für Descours geschriebenen Originalkomposition von Lera Auerbach allesamt Bearbeitungen. Am Klavier wird sie von Paloma Kouider, Pianistin des Trio Karénine, begleitet.

Schwerblütige Melancholie und ausdrucksstarke Melodik

Das zentrale Werk des Albums ist Rachmaninows Cellosonate, die Descours und Kouider für Fagott eingerichtet haben (bis auf eine Ausnahme gehen alle Arrangements auf dieser CD auf die beiden Interpretinnen zurück). Die Wahl von Rachmaninows Sonate erscheint dabei stimmig, denn was die Gestaltung der beiden Stimmen betrifft, ist Rachmaninows Herkunft vom Klavier nicht zu leugnen. Tatsächlich übertrifft der Klavierpart die Cellostimme deutlich an Schwierigkeit (und die Balance der beiden Stimmen ist bei Aufführungen z.T. recht heikel), vor allem aber hat Rachmaninow die Cellostimme weniger von den technischen Möglichkeiten des Instruments her gedacht, sondern das Cello zuvorderst als sonores, kantables und ausdrucksstarkes Melodieinstrument verstanden, also eben gerade in einem Bereich angelegt, in dem Cello und Fagott sich treffen. Die schwerblütige Melancholie des Beginns etwa lässt sich auch im Fagott vorzüglich realisieren. Natürlich kommen dennoch gewisse instrumentenspezifische Eigenheiten (Pizzicati, Doppelgriffe) vor, zu denen bei der Bearbeitung Äquivalente gefunden werden müssen, in den meisten Fällen jedoch mit überzeugendem Ergebnis. Gewisse Grenzen ergeben sich dort, wo stärker forciert wird, namentlich im Finale, das in der Fagottversion zurückgenommener wirken muss. Descours und Kouider sind sich dessen bewusst und gestalten die Musik entsprechend, etwa indem Kouider die machtvollen Allargando-Einschübe im Fortissimo in der Durchführung (erstmals bei 3:15) etwas vorsichtiger angeht, sodass sich ein homogenes Gesamtbild ergibt. Im langsamen Satz wählen die Interpretinnen ein eher flüssiges Grundtempo mit großzügigem Rubato. Grundsätzlich völlig im Bereich des Möglichen; wenn dann allerdings bei 2:57 aus dem a tempo der Partitur faktisch eine mehr als deutliche Beschleunigung wird, ergibt sich stellenweise doch ein etwas zu hastiger Eindruck.

Das Fagott als Sänger

Die kantable Seite des Fagotts kommt auch in den kleineren Stücken auf dieser CD vorzüglich zur Geltung, ganz besonders vielleicht in den beiden Arrangements von Liedern von Glinka und Rimski-Korsakow. Hier versteht es Descours, ihr Instrument wahrhaft singen zu lassen, die Phrasen und Melodiebögen exzellent nachzuvollziehen und zu gestalten, ein Eindruck, der sich durch kleinere Nuancenänderungen in den Strophen (Glinka) noch verstärkt. Eine andere Seite des Instruments repräsentieren die von Bertrand Hainaut vorgenommenen, eng am Original orientierten Arrangements von sechs der 24 Präludien op. 34 von Schostakowitsch (in der Regel werden die Melodiestimme oder charakteristische Bassfiguren auf das Fagott übertragen, während der übrige Klaviersatz weitgehend unangetastet bleibt). Hier dominieren groteske Töne (z.B. Präludien in h-moll und Fis-Dur), wobei aber auch die trauermarschartigen Elemente im Präludium es-moll eindrucksvoll zur Geltung kommen (man beachte etwa die tiefen Bs im Fagott in T. 20/21!). Lera Auerbachs I Walk Unseen ist bereits im (Unter-)Titel als Air bezeichnet, in der Tat eine treffende Charakterisierung angesichts der kantablen Melodik vor dem Hintergrund einer über weite Strecken über einem ruhig schreitenden Bass aufgebauten Begleitung. Tonale, eher dezent mit erweiterten Spieltechniken wie Glissandi arbeitende Musik.

In Paloma Kouider hat Lola Descours eine formidable Klavierpartnerin mit hoher Anschlagskultur und feinem Sinn für das Zusammenspiel beider Instrumente an ihrer Seite. Das Klangbild der CD ist gut ausbalanciert, insbesondere überdeckt das Klavier das Fagott zu keinem Zeitpunkt. Ein kleinerer Schönheitsfehler ist, dass in der Trackliste die Spieldauern der ersten elf Titel untereinander permutiert worden sind. Das Beiheft ist relativ knapp, dabei aber akkurat und informativ gehalten und stellt auch größere Zusammenhänge (etwa zu russischer Literatur) her. Eine ausgesprochen ansprechende Neuveröffentlichung.

Holger Sambale [14.06.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Alexander Scriabin
1Etüde b-Moll op. 8 Nr. 11 00:01:20
Dimitri Schostakowitsch
2Prelude h-Moll op. 34 Nr. 6 – Allegretto 00:01:07
3Prelude Fis-Dur op. 34 Nr. 13 – Moderato 00:02:19
4Prelude es-Moll op. 34 Nr. 14 – Adagio 00:00:59
5Prelude Des-Dur op. 34 Nr. 15 – Allegretto 00:01:25
6Prelude b-Moll op. 34 Nr. 16 – Andantino 00:01:33
7Prelude d-Moll op. 34 Nr. 24 – Allegretto 00:03:45
Nikolai Rimsky-Korssakoff
8The Nightingale op. 2 Nr. 2 00:07:10
Peter Tschaikowsky
9Nocturne cis-Moll op. 19 Nr. 4 00:03:00
Lera Auerbach
10I Walk Unseen (Air) 00:03:02
Michael Glinka
11Elegie (aus Drei russische Lieder) 00:04:19
Sergej Rachmaninow
12Sonate g-Moll op. 19 für Violoncello und Klavier 00:32:42

Interpreten der Einspielung

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