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CD-Besprechung

Beethoven

Piano Concertos 0-7

cpo 555 447-2

4 CD • 4h 16min • 2020, 2021

18.07.2022

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität:
Klangqualität: 8
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Michael Korstick geht mit Siebenmeilenstiefeln durch Beethovens Klavierkosmos (32 Solosonaten und die 10 Sonaten mit Violine liegen bereits vor), nun Beethovens Gesamtwerk für Klavier und Orchester – mit interessanten Neuentdeckungen: Das frühe, Bonner Es-Dur-Konzert (Werk ohne Opus 4), auf welches man erstmals 1888 durch Guido Adler aufmerksam wurde, ist ein dreisätziges, hörenswertes Werk des 14jährigen Beethoven.

Ein graziöses B-Dur-Rondo (WoO 6) schließt sich an; ferner das Klavierkonzert (1807) nach dem unvergleichlichen D-Dur-Violinkonzert.

An einem größeren, weithin unbekannten Konzert-Allegro in derselben Tonart hatte Beethoven 1814/15 gearbeitet. N. Cook hat es für unsere Tage rekonstruktiv auskomponiert – und Hermann Dechant steuerte Kadenz und Coda bei (vor wenigen Jahren erstmals erklungen beim Klavierfestival Ruhr). So dauert dieser opulente Satz über 14 Minuten. Diese bislang zu wenig gespielten Stücke bilden zusammen die rund 49minütige CD 4 dieser Box – beachtlich und empfehlenswert; das Bild von Komponist und Gattung wird substanziell ergänzt.

Auch die fünf bekannten Klavierkonzerte der Box lassen sich vernehmen, es packt einen immer wieder beim Zuhören, die Musik reißt uns in den Strudel des Tonsetzers; man wird, im wahrsten Sinne des Wortes, auf Beethoven gestoßen von Michael Korstick.

Korstick greift an, Korstick packt zu, Korstick schlägt an!

An einigen Stellen setzen feinstoffliche Bedenken ein. In der Wiener Klassik geht es um etwas vom Höchsten, das die westliche Kulturgeschichte zu bieten hat, und aufführungspraktisch Anspruchsvollsten, sofern die Musik mehr als nur „richtig“ gespielt sein soll; dies predigte bereits Beethovens Adlatus, sein Schüler Carl Czerny. Heute freilich müssen sich die fünf berühmten Schwesterwerke, fast unvermeidlich, an den Sternstunden der Plattengeschichte und des Konzertlebens messen lassen: von Claudio Arrau bis Krystian Zimerman.

Gegenüber den von den besten Pianisten der Welt gespielten fünf Klavierkonzerten bleibt bei Korstick das Auftrumpfende, Kompromisslose, Kämpferische, Kraftvolle, soweit es meine Stereoanlage wiedergibt, ein wenig monochrom. Gewiss, Korsticks Phrasierungs-Ozean kommt ungemein präsent und packend auf uns zu, hat seine Stärke also weit mehr in Flutbewegung als in etwaigen Phasen der Ebbe; jeder komponierte Winkel umspült, lernt man alles kennen. Alles wird ausgeleuchtet… wir gewahren jeden Beethovenakzent sehr männlich und kräftig.

Zu fragen ist aber, ob die Stärke der Akzentsetzungen im Prozess der komponierten Dramaturgie angemessen realisiert ist. Korstick marschiert mit höchster Tapferkeit durch seinen Beethoven. Doch die schonungslos direkte Gangart schadet bisweilen (meiner) lückenlos folgerichtigen Orientierung im Ton-Raum (Raum, wie ihn einst Halm, Albersheim und Kurth verstanden haben, als profilierten Bewusstseinsinnenraum).

Um also auf pianistisch hohem Niveau zu jammern: Fehlt hier nicht doch ein wenig das Menschen Vereinende, Verkündigung, das Erzählende der Tonsprache? Also Narrativität und Humanität in dem Sinne, wie sie Beethovens Gedankenwelt ja ein Leben lang bewegt und erwogen haben! (Vgl. die Darstellungen von Hartmut Krones, Barry Cooper, Martin Geck u.a.m.)

Die Frage nach der dem Frühwerk angemessenen Intensität

Forte/Fortissimo spielt Korstick, entgegen der einstigen Empfehlung eines so berufenen ‚period‘-Musikschriftstellers wie Adolph Bernhard Marx, leider auch beim frühen, 14jährigen Beethoven, derart intensiv, wie es doch erst beim späteren (Schwerhörigen) zu Form wird. (Auch) in dem Es-Dur-Frühwerk WoO 4 aus dem Jahr 1784, das ja im Horizont zarter gebauter Flügel mit silbrigen Klangmöglichkeiten entstand, verwendet Korstick bereits auf die ersten Akkordschläge viel zu viel Kraft. Wer als Solist bereits bei der ersten einsetzenden Tonika Dynamit zündet, wird jedoch im Formprozess, spätestens in den oberdominantischen Regionen, den Ausdruck kaum mehr glaubhaft weiter expandieren können.

Noch weiter gefragt: Geht man bei zu sehr oder zu oft geballter Faust – bei aller Monumentalität Beethovens – nicht der tarierten Gestaltbildung und jenes „Fernhörens“ verlustig, welches Heinrich Schenker, der hierin an ihn anknüpfende W. Furtwängler, ein für alle Mal gültig realisierten? Die Qualität des „so und nicht anders“ bietet Korstick unerbittlich. Haftet sie nicht bisweilen zu sehr am buchstäblichen Detail? Trägt sie für uns die Chance, als Zuhörende im Beziehungsgeflecht ausschwingen zu können, sodass die Großform eines Satzes, die Makrostruktur, einen syntaktisch weitgespannten und gleichzeitig zuinnerst kohärenten Satz bildet?

Kantilenen und Akzente

Die pianistischen Akzente klingen hier bisweilen arg spitz – oder aber stumpf. Ob es an der Aufnahmetechnik liegt? Im Korsticks forte höre ich vor allem pianistischen Anschlag, weniger jedoch die in der slawischen Welt kultivierte „Klangentnahme“ (Tatjana Nikolajewa und der aus Kiew stammende Sascha Gorodnitzki gehörten doch einst zu Korsticks Lehrern).

So hinterlässt die Beethoven-Box einen „starken Eindruck“. Für mich ist die Stärke nicht genügend proportioniert, nicht austariert. Um aus dem Gebiet Beethovenscher Kammermusik die Artikulationsfinesse des Cuarteto Casals zu erinnern: Beethoven überzeugt hier unmartialisch, ohne Überzeichnung strukturiert! In diesen Zusammenhängen wäre vielleicht bedenkenswert, dass das 19. Jahrhundert im Bemühen um Mannigfaltigkeit diverse Akzente unterschieden hatte, rhetorische, pathetische, rhythmische, melodische, harmonische, agogische Akzente u.a.m. (vgl. v. Verf.: „accent“ in The New Grove Dictionary of Music, „Dynamik“ in Die Musik in Geschichte und Gegenwart, „Tonale Dynamik … seit 1800“ in der Reihe Berliner Musik Studien und zuletzt „accent“ und „expression“ in The Cambridge Encyclopedia of Historical Performance in Music.)

Korsticks Partner

Das Wiener RSO des ORF wird von dem aus Karlsruhe stammenden Constantin Trinks kundig, mit sicherer Hand geleitet, und man wird, wie durch die Virtuosität des Solisten, zunächst erfrischt und erfreut, auch in lyrischen Partien.

Manchmal auch hier: Manche Klänge des großen Klangapparates brechen sich Bahn beinahe wie mit der Faust geschlagen. So die erhabenen Orchesterakkordsäulen des großen Es-Dur-Konzertes. Dieser Tonart war im 18. Jahrhundert eine besondere Charakteristik zugewachsen! Es-Dur repräsentiert bei allem Goldglanz und aller großen Repräsentation mehr Wärme und Schönheit denn Härte. Die drei B-Vorzeichen wurden gar als Symbol der Trinität und der Liebe gelesen. Und später war Claude Debussy musikalisch klug, wenn er schrieb, dass die Tatsache, dass Beethoven ein cholerischer Mensch war, kein Grund wäre, seine Musik ärgerlich zu spielen...

Andererseits gelingen Trinks und dem Orchester ungezählte Kantilenen fabelhaft.

Insgesamt geht es mir bei diesen vier Discs vielleicht ähnlich wie Adorno (und Arnold Schönberg) seinerzeit bei der „Meisterschaft des Maestro“ Toscanini, nämlich bei einer stilistisch beeindruckenden, doch diese nicht vollkommen befriedigenden „Materialbeherrschung“. Denn wer wollte leugnen, dass Trinks und Korstick ihr Material berherrschen?

Veni, vidi, vici.

Der Solist, nicht unähnlich einer Kampfesschilderung bei Gaius Julius Caesar, scheint kommen, spielen und siegen zu wollen. Eruptive Hammerschläge bedürfen allerdings bei Beethoven der Einbindung in Wellen. Sonst bleiben bloße Momente, unvermittelte Partikel; Lokaleffekte, die verpuffen und sich nicht transzendieren lassen.

Hört man, wie der junge kanadische Pianist Jan Lisiecki Beethovens Viertes realisiert – oder seinerzeit der reife Rudolf Serkin mit Kubelik und dem Syphonieorchester des BR [Livemitschnitt jetzt bei Orfeo] –, atmet man tiefer, geistreicher, emotional reicher.

Korsticks Gangart zeigt ein stets versiertes, unbestechlich artikuliertes Geradeaus. Die cpo-Aufnahme scheint sich für einen direkt-perkussiven Klavierklang entschieden zu haben (nicht unähnlich demjenigen ungezählter Jazzklavierplatten oder seinerzeit Friedrich Gulda). Mithin wird klingende Zeit als linear nach vorne schreitend, geradeaus gerichtete Dimension vom Solisten und vom Wiener Klangkörper „mit Sicherheit“ erfüllt. Und doch bleibt manches Akkordische ein wenig statisch, eher wie eine „Abwicklung“, von Schönberg im Blick auf die Barockmusik englisch „unfolding“ genannt, welches jedoch mit Beethoven bekanntlich dem Sonatensatzprinzip, der „Entwicklung“ innerhalb musikalischer Form, gewichen ist. Beethovens Dynamik fordert development, Dynamisierung als Prozess.

Korsticks oftmals minimal drängende Agogik erschließt sich mir nicht. Und die atmende Korrelation etwa von Dominant-Kraftgewinn und rückläufiger Auflösung (kleinsten oder größeren Entspannungsphasen, Subdominant-Geheimnissen, Rückzugsgesten innerhalb der tragenden Binnenstruktur) bleibt in etlichen Partien dieser Aufnahmen im Schatten einer manchmal nur terrassenartigen Dualität gefangen, dual zwischen den Flächen von hart und weich, fest und entspannt, LED-Beleuchtung einerseits und lyrischen Idiomen andererseits, aber nicht komplementär sich ergänzend. Kontraste durchgeistigter Musik sind idealiter kein Selbstzweck, ebenso wenig alle Akzentuierung, bedürfen vielmehr der dialektischen Vermittlung. Wenn um 1800 der in Musikzeitschriften sehr viel zitierte Novalis in einem Aphorismus „Kontraste“ als „inverse Ähnlichkeiten“ bezeichnet und begriffen hat, so sähe ich hier eine wegweisende Perspektive, damit (mir) erlebbar wird, was Beethovens Welt im Innersten zusammenhält.

Dr. Matthias Thiemel [18.07.2022]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Ludwig van Beethoven
1Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op. 15 00:32:49
4Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 19 00:28:45
CD/SACD 2
1Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll op. 37 00:34:21
4Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58 00:32:40
CD/SACD 3
1Violinkonzert D-Dur op. 61a (Bearb. für Klavier und Orchester) 00:41:23
4Klavierkonzert Nr. 5 Es-Dur op. 73 00:37:26
CD/SACD 4
1Klavierkonzert Es-Dur WoO 4 00:26:05
4Rondo B-Dur WoO 6 für Klavier und Orchester 00:08:43
5Klavierkonzert Nr. 6 D-Dur (unvollendet) 00:13:57

Interpreten der Einspielung

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