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Besprechung CD

Turkish Flavours

100 Years of Turkish Symphonic Music

Prospero Classical PROSP0093

2 CD • 1h 41min • 2023

16.06.2024

Künstlerische Qualität:
Künstlerische Qualität: 9
Klangqualität:
Klangqualität: 9
Gesamteindruck:
Gesamteindruck: 9

Hundert Jahre türkische Orchestermusik zelebriert das „Turkish Flavours“ genannte neue Album des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin unter der Leitung des seit vielen Jahrzehnten mit der türkischen Musikszene vertrauten Howard Griffiths. Grund genug, noch einmal kurz an die Hintergründe zu erinnern, denn es ist in der Tat ein Jahrhundert her, dass Atatürk im Zuge seiner Reform- und Modernisierungsmaßnahmen begabten jungen türkischen Komponisten die Möglichkeit gab, speziell in Westeuropa bei den Größen der Zunft zu studieren – mit erheblichem Erfolg, denn hieraus erwuchs eine erste Generation sehr respektabler bis exzellenter Komponisten, die gerne als die „Türkischen Fünf“ bezeichnet werden.

Farbenfülle, dunkles Glühen und expressive Eruptivität

Auf der ersten CD dieses Doppel-Albums geht es größtenteils um genau diese Komponisten. Den Anfang macht der großartige Ahmed Adnan Saygun (1907–1991) mit seinem Rituellen Tanz op. 57 (1975), einem eher späten Werk also, das in raffinierter Farbenfülle das dunkle Glühen und die aufregend unsteten, zwischen Introspektion und expressiven Ausbrüchen pendelnden Klangwelten etwa seiner späten Sinfonien auf knapp neun Minuten kondensiert. Cemal Reşit Reys (1904–1985) Schnappschüsse (1931) sind ein bunter, von Volksmusik ebenso wie Reys Studien in Frankreich geprägter Bilderbogen auf knappem Raum; man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass nur zehn Jahre zuvor in der Türkei an solche Musik noch nicht zu denken gewesen wäre, um den Quantensprung, der hier vollzogen wurde, entsprechend zu würdigen. Neben Saygun ist der größte Name der Türkischen Fünf wohl Ulvi Cemal Erkin (1906–1972), auf diesem Album vertreten mit seinem späten Meisterwerk, dem Sinfonischen Satz (1968/69), der in seinen ausgedehnten langsamen Eckteilen mit dem Ticken des Xylophons und den bedrohlich anschwellenden Blechbläserdissonanzen geradezu philosophisch anmutet; das Allegro im Mittelteil mit typischen Aksak-Rhythmen ist im Vergleich stark verknappt.

Folklore, Impressionismus und die zweite Generation

Der jüngste der Türkischen Fünf war Necil Kâzım Akses (1908–1999), von dem keines seiner Orchesterwerke ausgewählt wurde, sondern sein frühes Poem für Violine und Klavier (1930), ein über weite Strecken betörendes Stimmungsbild zwischen Folklore und zart-impressionistischen Farben. Den Abschluss der ersten CD bildet nicht der fünfte der Fünf, sondern mit Ferit Tüzün (1929–1977) ein Komponist der zweiten Generation; sein Türkisches Capriccio (1956) fungiert als (in den Außenteilen) schmissige, effektvolle, rhythmisch pointierte Zugabe (die ich eher im Kontext der früheren Werke der Türkischen Fünf sehe als, wie im grundsätzlich solide informierenden Beiheft nahegelegt, des Sacre). Es sei noch darauf hingewiesen, dass all dies natürlich notwendig eine Auswahl darstellt: der Erkin des Sinfonischen Satzes unterscheidet sich von dem seiner berühmter Köçekce ebenso, wie man sich ausgehend von Akses Poem über die brachialen Eruptionen seines Violinkonzerts wundern dürfte, und neben Tüzün gibt es in der zweiten Generation u.a. auch einen ausgesprochenen Modernisten wie den mittlerweile 102-jährigen İlhan Usmanbaş.

Die türkische Musik unserer Tage

Den Gegenpart zu diesen fünf „Klassikern“ der modernen türkischen Musik bilden auf der zweiten CD wiederum fünf zeitgenössische türkische Komponisten mit Werken aus den Jahren 2012 bis 2022. Dreams of a River des in den USA lebenden Mahir Cetiz (Jg. 1977) geht von Umspielungen eines einzelnen Tons aus, ein dezent modernes Werk in über weite Strecken eher leisen Tönen. Noch stärker filmisch geprägt (und eigentlich weniger dramatisch als das Sujet es vielleicht vermuten ließe) erscheint Fazıl Says (Jg. 1970) Şahmeran op. 85, halb Konzert (mit solistischem Cello und Schlagzeug), halb (Kurz-) Ballett, während Trotz der Erinnerung an die verlorene Stille der in Berlin lebenden Zeynep Gedizlioğlu (Jg. 1977) im Klangbild geschärfter anmutet, u.a. in Form von mikrotonalen „Störungen“ und Abwärtsglissandi. Der wenigstens zeitweilige Fokus auf einem (Einzel-) Ton, einem (Unisono-) Rhythmus, Verfremdungen inklusive, prägt auch Onur Türkmens (Jg. 1972) Komm, das das Album beschließt. Wie auf der ersten CD steht an vierter Stelle ein Kammermusikstück, in diesem Fall widerspenstig für Streichquartett der in Berlin und Wien lebenden Sinem Altan (Jg. 1985), für mich das Stück, das auf dieser zweiten CD den stärksten Eindruck hinterlässt. Kaum sechs Minuten lang, wird hier Folkloristisches (im Rahmen einer deutlich modalen Basis) mit erweiterten Spieltechniken kontrastiert im Zeichen eines (in den Außenteilen) expressiv-widerborstigen Gestus. Ein spannendes, auch interpretatorisch ungemein gelungenes Album, das den interessierten Hörer hoffentlich dazu einlädt, sich eingehender mit der faszinierenden Breite der türkischen Musiklandschaft zu befassen.

Holger Sambale [16.06.2024]

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Komponisten und Werke der Einspielung

Tr.Komponist/Werkhh:mm:ss
CD/SACD 1
Ahmed Adnan Saygun
1Ayin Raksi op. 57 00:08:45
Cemal Resid Rey
2Enstantaneler 00:07:53
Ulvi Cemal Erkin
7Senfonik Bölüm 00:15:00
Necil Kazim Akses
8Poème für Violine und Klavier 00:11:55
Ferit Tüzün
9Türk Kapriçyosu 00:07:08
CD/SACD 2
Mahir Cetiz
1Nehrin Düşleri 00:11:12
Fazil Say
2Şahmeran op. 85 00:15:29
Zeynep Gedizuoglu
4Kayip Sessizligin Anisina Ragmen 00:09:57
Sinem Altan
5Streichquartett Nr. 1 (Hirçin - widerspenstig) 00:05:59
Onur Türkmen
6Gel 00:07:23

Interpreten der Einspielung

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