Aus dem Leben des englischen Komponisten John Dunstable sind so gut wie keine Einzelheiten bekannt. Aufgrund der ältesten erhaltenen Werke ab 1410 geht man davon aus, dass er zwischen 1380 und 1390 geboren wurde. Gesichert ist aber, dass er am Heiligen Abend 1453 gestorben ist. Darüber hinaus gibt es nur spärliche Hinweise. Ab 1427 war Dunstable wohl in den Diensten des Herzogs von Bedford, des Bruders König Heinrichs V. Nach dem Tod Heinrichs V. war der Herzog von 1422 bis 1435 Regent von Frankreich. In dessen Gefolge dürfte sich Dunstable häufiger in Frankreich aufgehalten haben, was auch die Bekanntheit seiner Werke und seinen großen Einfluss auf die dortigen Komponisten verstärkt haben dürfte. Zwischen 1427 und 1436 war er vermutlich auch im Dienst der Königin Johanna von Navarra und schließlich auch im Dienst von Herzog Humphrey von Gloucester. Man kann davon ausgehen, dass Dunstable die kulturellen Zentren der damaligen Zeit gekannt hat und mit den musikalischen Strömungen bestens vertraut war. Von seiner englischen Herkunft brachte Dunstable den Faburdensatz auf das Festland, eine Art improvisatorischer Musik in Terz-Sext-Akkordketten. Er entwickelte in seinen Kompositionen eine völlig neue Dissonanzbehandlung, bei der auftretende Dissonanzen die Rolle eines vorbereiteten Vorhalts einnahmen. Auf diese Weise waren seine Werke im Vergleich zur mehr und mehr starr und konstruiert wirkenden Kompositionsweise der späten französischen Ars nova lebendiger und eingägiger. Dieses Vorhalts-Prinzip sollte die Kompositionsweise der folgenden Komponistengenerationen bestimmen und für mehr als 200 Jahre seine Geltung behalten. Dunstable entwickelte darüber hinaus den Typus der „Tenor-Messe“, bei der einzelne Teile des Messordinariums zyklisch durch einen Cantus firmus im Tenor zu einem Ganzen verbunden werden. Der Cantus firmus ist dabei zwar ebenfalls liturgischen Ursprungs, aber aus einem anderen Kontext herausgenommen. Dunstable wurde im Übergang vom Mittelalter zur Renaissance von den bedeutenden Komponisten dieser Zeit wie Guillaume Dufay, Gilles Binchois, Johannes Ockeghem oder Antoine Busnois als Wegbereiter empfunden und hat sie stilistisch maßgeblich beeinflusst. Der französiche Dichter Martin le Franc (ca. 1410 – 1461) bezeugt in seinem Versepos „Champion des dames“ (um 1440) die Bedeutung Dunstables und spricht im Zusammenhang mit ihm von der „contenance angloise“ und der „frisque concordance“ als der Eigenart des neuen englischen Kompositionsstils. Neben John Dowland, William Byrd und Henry Purcell zählt John Dunstable zu den bedeutendsten Komponisten Englands und der „goldenen Ära“ der frühen englischen Musik. Von Dunstable sind knapp 60 – fast ausschließlich liturgische – Werke erhalten, die Hälfte davon sind drei- oder vierstimmige Motetten. Im Zuge der englischen Reformation und als Folge der Auflösung der Klöster zwischen 1536 und 1540 war auch ein Großteil der Manuskripte vernichtet worden. Die meisten seiner erhaltenen Werke sind sozusagen aus zweiter Hand durch kontinentale Quellen hauptsächlich aus Norditalien überliefert.
»John Dunstable: Biographie und Einspielungen«
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