Dvoŕák • Dorman Göttinger Symphonieorchester, Nicholas Milton
Prospero Classical PROSP0110
1 CD • 70min • 2020, 2021
04.04.2025 • 9 9 9
Hier geht’s zur Sache: mit dem Schlagzeugkonzert Frozen in Time von Avner Dorman und der Symphonie Aus der Neuen Welt von Antonin Dvořák geht das Göttinger Symphonieorchester unter der Leitung von Nicolas Milton mit zwei gewichtigen Werken auf eine spannende Entdeckungsreise durch musikalische Kulturen. Letzteres ist ein Dauerbrenner im Repertoire, Ersteres hat zweifelsohne das Zeug dazu. Dvořáks Symphonie ist die Essenz von dem, was der Komponist in seiner neuen Heimat Amerika vorfand, oder zumindest von dem, was er dafür hielt. Sie ist in jedem Fall ein Beispiel für eine Synergie der Kulturen, aber auch für die Rezeptionsgeschichte musikalischer Traditionen. Einige der Passagen aus diesem Werk haben nahezu ikonischen Charakter, das markante Hauptthema des ersten Satzes etwa oder die pastose Hornkadenz zu Beginn des Largos.
Die Gesamteinspielung der Streichquartette Joseph Haydns durch das Leipziger Streichquartett nähert sich mit Volume 19 der Vollendung. Diesmal geht es um das frühe Opus 2, Werke, die eigentlich noch der Gattung „Divertimento“ zugerechnet wurden und allesamt fünfsätzig sind. Sie entstanden wahrscheinlich gegen Ende der 1750er Jahre für Karl Joseph von Fürnberg auf Schloss Weinzierl in Niederösterreich. Nur vier der insgesamt sechs Kompositionen des Opus 2 sind originale Streichquartette, die übrigen sind echte Divertimenti, nämlich Sextette mit zwei Hörnern.
Das multinationale Pacific Quartet Vienna wurde 2015 durch den Sieg beim Haydn-Kammermusikwettbewerb in Wien bekannt. Die vier Musiker, die in Wien und Zürich leben, binden die Werke der Wiener Klassiker in kluge Programmkombinationen ein. Originell ist auch das Konzept ihrer vierten CD, deren Veröffentlichung bei dem Label Solo Musica mittels Crowdfunding finanziert wurde. Drei Komponisten sind hier zu hören, deren Opernschaffen sich auch in ihren Streichquartetten widerspiegelt. In Mozarts Dissonanzenquartett steckt das Theatralische ebenso wie in Donizettis Belcanto-beseeltem Quartett Nr. 17 sowie dem einzigen Quartett aus der Feder des Opernkomponisten Verdi.
Erstaunlich, wie viele Komponisten und Literaten des deutschen Barocks einen juristischen Hintergrund hatten. Hierzu gehören J.H. Schein, J. Kuhnau, der neben dem Thomaskantorat noch eine Kanzlei betrieb, Telemann, C. Graupner sowie die Bach-Söhne Friedemann und Carl Philipp Emanuel. Eine echte Doppelung legt die Capella Cathedralis Fulda begleitet von L’Arpa festante unter der Leitung von Franz-Peter Huber nun mit der Brockes-Passion des Hamburgischen Senatssyndicus Jacob Schuback (1726-1784) in Ersteinspielung vor. Hauptberuflich war Schuback Jurist und als Diplomat Hamburgs Vertreter beim „Immerwährenden Reichstag“ in Regensburg. Sein Vater amtierte von 1754 – dem Entstehungsjahr der Komposition – bis 1782 als Bürgermeister der Stadt. Da der Textdichter Barthold Heinrich Brockes – ebenfalls Jurist und Diplomat – und Vater Schuback seit 1737 Senatorenkollegen waren, dürften Librettist und Komponist sich näher gekannt haben.
Das Duo Praxedis heißt so, weil beide Solistinnen den Vornamen Praxedis haben: Praxedis Hug-Rütti spielt Harfe, ihre Tochter Praxedis Geneviève Hug spielt Klavier. Beide sind seit 2010 unermüdlich dabei, die Literatur für diese Besetzung zu durchforsten, die im 19. Jahrhundert sehr beliebt war. Allein Carl Czerny hat rund 400 Werke für diese Besetzung geschrieben, teilt das (dreisprachige) Booklet mit. Diese üppige Doppel-CD mit 151 Minuten Spielzeit, bereits die zehnte des Duos, hat sich dem Wiener Walzer verschrieben und ist deshalb launig „Baba Bussi“ betitelt – mit dem Akzent bei Babá auf der letzten Silbe: eine wienerische Abschiedsformel, die dort aber meist in umgekehrter Form verwendet wird: Bussi Baba. Die CD 1 umfasst Tänze der Familie Strauß, aber auch die zwanzig Ländler von Franz Schubert. Die CD 2 befasst sich mit Reminiszenzen an den Wiener Walzer, von Fritz Kreisler, dem hier ausgiebig gehuldigt wird, bis zu Richard Strauss und Sergej Prokofieff. Alle Arrangements stammen vom Duo Praxedis selbst.
Der ungarische Komponist György Kurtág – mittlerweile in seinem hundertsten Lebensjahr – gilt seit jeher als Meister der kleinen Formen und intimen Besetzungen. Höchst selten überschreitet ein einzelner Satz eines längeren Werkes oder eine Liedvertonung zeitlich vier Minuten. So reichen bei ihm schon kleinste musikalische Gesten oder ein dreizeiliger Gedichttext aus, um emotionale Höchstspannung zu erreichen und die Hörer tief zu berühren.
Jaakko Luoma präsentiert neben dem mittlerweile nicht mehr ganz unbekannten Konzertstück op. 2 von Franz Berwald drei frühromantische Fagottkonzerte skandinavischer Provenienz, die im Zeitraum zwischen 1812 und 1831 entstanden. Adressat aller vier Werke war der schwedische Hof-Fagottist Franz Carl Preumayr (1782-1853), der aus Ehrenbreitstein bei Koblenz stammte und somit ein Landsmann und Zeitgenosse des Clemens von Brentano war. Die Werke gehen in ihren technischen Anforderungen weit über die Konzerte Mozarts und Carl Maria von Webers hinaus und sind bis auf die dramatische Komposition des schwedischen Hofkapellmeisters Edouard Du Puy spritzig-unterhaltsamen Charakters.
Die Französin Jaleh Perego studierte in Wien bei dem bedeutenden Komponisten Iván Eröd Komposition und vollendete ihre Ausbildung als Geigerin 2014 in Karlsruhe bei Nachum Erlich, dessen gesanglich expressives Musizieren sie entscheidend geprägt haben dürfte. Auf ihrem Debütalbum spielt sie mit der vor allem als Liedbegleiterin profilierten Serbin Sara Pavlovic zusammen ein romantisches Programm lyrischen und in den großen Formen musikalisch sehr anspruchsvollen Zuschnitts.
Sonata BWV 1003 • Suite BWV 997 • Suite BWV 1006a Stephen Marchionda guitar
MDG 903 2354-6
1 CD/SACD stereo/surround • 63min • 2024
26.03.2025 • 10 10 10
Geradezu liebevoll beschreibt der amerikanische Gitarrist Stephen Marchionda seine Gitarre, deren Bau, deren Gitarrenbauer und dessen Werkstatt in Spanien. Und genauso liebevoll klingt sein Spiel. Er hat drei Sonaten bzw. Partiten von Bach für Gitarre transkribiert, die ursprünglich für Violine und Laute bzw. ein Lautenwerck komponiert waren. Man muss hier nicht diskutieren, ob die E-Dur-Suite BWV 1006a ursprünglich für Violine oder Laute gedacht war oder ob man alles für eine Gitarre adaptieren „darf“: Bach hat selber viele seiner Werke für andere Instrumente arrangiert. Man kann es und man „darf“ es, wenn nichts von der ursprünglichen musikalischen Gestaltung verlorengeht. Marchionda, der schon höchst erfolgreich Klaviersonaten von Domenico Scarlatti für Gitarre arrangiert hat, macht es und er macht es glänzend.
Der Zyklus Pièces de chair II („Fleischstücke“), in den Jahren 1958-60 entstanden, in seiner Gänze aber erst 1970 in Paris uraufgeführt, ist das erste längere Werk des italienischen Komponisten Sylvano Bussotti (1931-2021) und galt in seiner Zeit als ein Gipfelpunkt musikalischer Avantgarde.
6 Sonatas for Mandolina & Basso continuo Anna Torge
cpo 555 039-2
1 CD • 64min • 2019, 2022
24.03.2025 • 9 10 8
Die Mandoline verfügt nur über ein kleines Repertoire, aus dem Vivaldis Mandolinenkonzerte hervorstechen, und nach dem Barock hinterließ auch der Beethoven-Zeitgenosse Johann Nepomuk Hummel ein bekanntes derartiges Werk. Diese Einspielung präsentiert sechs Sonaten für Mandoline und Basso continuo des Abbate Ranieri Capponi (1680-1744), die sang- und klanglos untergegangen wären, hätte sie nicht der Bruder des Komponisten nach dessen Tod im Druck herausgegeben und die Werke Clemens August, Kölner Erzbischof und Kurfürst des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, gewidmet.
Streichquartett Nr. 2 und 6 & Lieder ohne Worte Goldmund Quartet
Berlin Classics 0303434BC
1 CD • 64min • [P] 2025
23.03.2025 • 9 10 7
Es ist schwer, bei kritischer Betrachtung diesem Album gerecht zu werden. Zwei der großartigsten Quartette Felix Mendelssohn Bartholdys (das offizielle Zweite in a-moll op. 13 und das nach dem Tod seiner Schwester Fanny entstandene letzte in f-moll op. 80), durchbrochen von einem dreifachen Intermezzo in Form von drei sehr populären Hits aus den ‚Liedern ohne Worte‘ (sehr ansprechend in Quartettsatz gebracht von Jakob Encke), bilden ein exzellentes Programm. Das Goldmund-Quartett zählt definitiv zu den besten deutschen Ensembles und ist durchweg hochkarätig besetzt. Da fehlt es an nichts, was das spieltechnische und klangliche Potenzial betrifft.
Vor anderthalb Jahren erschien Anna Khomichkos Solo-Debüt mit Werken von Mozart und dessen Zeitgenossen Muzio Clementi. Auf ihrem neuen Album präsentiert sie Klavierkonzerte aus demselben klassischen Umfeld. Gemeinsam mit dem Philharmonischen Orchester Heidelberg und dessen Chef Mino Marani interpretiert sie Mozarts Frühwerk KV 175 und Muzio Clementis einzig erhaltenes Klavierkonzert. Außerdem ist Beethovens selten zu hörendes „Nulltes“ Klavierkonzert Es-Dur WoO 4 zu hören.
Das Markenzeichen des Amaryllis-Quartetts (Gustav Frielinghaus, Lena Sandoz – Violine, Mareike Hefti. - Viola und Yves Sandoz – Violoncello.) besteht in der Programmierung von zumeist zwei Werken des klassisch-romantischen Repertoires mit einer Komposition moderneren Charakters. Dieses Prinzip war bereits bei seiner nach Farben benannter CD-Reihe prägend, deshalb wird es jetzt für eine Gesamtaufnahme der Beethoven-Quartette übernommen. Diese wird den Titel Face2Face tragen. Die erste CD dieser Serie beschert uns äußerst gelungene Einspielungen der Quartette op. 18,3 und op. 135 von Ludwig van Beethoven, und Bela Bartóks Sechstes Quartett.
Einem höchst anspruchsvollen Programm widmet sich der Geiger Maxim Brilinsky auf seinem Album „Grand Caprice‟ und präsentiert mit Solowerken von Heinrich Wilhelm Ernst und Henryk (Henri) Wieniawski einige der schwierigsten Stücke des Violinrepertoires. Ernst und Wieniawski gehörten zu den bedeutendsten Violinvirtuosen des 19. Jahrhunderts und haben ausgiebig für ihr Instrument komponiert. Sowohl die vollständig dargebotenen Sechs polyphonen Etüden Ernsts, als auch die auszugsweise präsentierte Sammlung L'Ecole moderne Wieniawskis lassen durch ihre Titel an Unterrichtsliteratur denken. Das sind sie wohl auch – vor allem jedoch handelt es sich um bemerkenswerte kompositorische Leistungen, die die beträchtlichen Möglichkeiten der Violine, ein volles und differenziertes Klangbild zu erzeugen, auf vielfältige Weise demonstrieren.
Läuft die intellektuelle Auseinandersetzung mit formalen Fragen von musikalischen Formen und Proportionen zwangsläufig auf abstrakte, manchmal esoterische L'art pour l'art hinaus? Wer bislang diese Vorstellung hatte, darf sich mit dem Hören dieser CD mit Werken des Komponisten Christian FP Kram eines Besseren belehren lassen. Aber was heißt hier schon belehren? Die Stücke, alle während der letzten 20 Jahre entstanden, werden hier durch fünf hochmotivierte Interpreten mit einer Unmittelbarkeit zum Klingen gebracht, als würden sie gerade erst im Moment des Spielens kreiert. Einer Reise in die Tiefen des Klangraums eines mächtigen Konzertflügels und in die Essenz des musikalischen Ausdrucks steht somit nichts mehr im Wege. So will es ja auch der Titel dieses Albums: „...verso l'interno..." – nach innen gerichtet.
Kavatine • Sonatas op. 109, 110 & 111 Christian Sandrin
Evil Penguin Classic EPRC 0068
1 CD • 72min • 2024
18.03.2025 • 9 8 9
Beethovens späte Klaviersonaten faszinieren Musiker und Hörer seit jeher. Diese späten Werke haben eine ganz eigene Aura. In Sachen Ausdrucksintensität und formale Architektur erklomm der vollkommen ertaubte Komponist hier ein ganz neues Niveau. Nun hat sich der rumänisch-britische Pianist Christian Sandrin, Sohn des in Fachkreisen anerkannten Klavierpädagogen Sandu Sandrin, die drei letzten von Beethovens 32 Klaviersonaten vorgenommen.
Wenn es um komponierende Frauen geht, fällt auch dieser Name immer wieder: Elfrieda Andrée. Die schwedische Komponistin war nicht nur die erste Domorganistin überhaupt, sie kämpfte an mehreren Fronten für die Rechte der Frauen, erkämpfte nicht nur sich das Recht, einen solch renommierten Posten überhaupt bekleiden zu dürfen, sondern sorgte auch für andere berufliche Perspektiven ihres Geschlechts – etwa das Recht als Telegraphistinnen tätig sein zu dürfen. Mit den Vorurteilen der Männer hatte sie dabei immer zu kämpfen, wie sich aus vielen Rezensionen herauslesen lässt. Um so spannender ist es, wenn man sich nun selbst ein Urteil bilden kann, da viele neue Notenausgaben und CD-Aufnahmen das Bild der komponierenden Frau in der Musikgeschichte zu korrigieren trachten. Zu Recht!
Der Liebe Leid und Lust Franziska Heinzen • Benjamin Mead
Solo Musica SM 477
1 CD • 72min • 2024
16.03.2025 • 8 8 8
In ihrem vierten, gemeinsam mit ihrem ständigen Klavierpartner Benjamin Mead erarbeiteten Recital widmet sich die Sopranistin Franziska Heinzen bereits zum zweiten Mal in Deutschland nur wenig bekannter Musik aus ihrer Schweizer Heimat. Das erste Album „Lieder us um Tal“, vor zwei Jahren beim Label Prospero veröffentlicht, enthielt dabei einige reizvolle Fundstücke. Dieses zweite Album, das seinen Schwerpunkt im 19. Jahrhundert hat, ist dagegen vor allem von archivarischem Interesse.
A Century of Inspiring Female Composers Mitra Kotte
Genuin GEN 25898
1 CD • 82min • 2024
15.03.2025 • 9 10 9
Mit dem Kunstwort „Herstory“ überschreibt die in Wien geborene Pianistin Mitra Kotte ein Programm, das komponierenden Frauen im 19. Und 20. Jahrhundert auf der Spur ist. Sie möchte damit „dem Publikum eine neue Welt eröffnen“ und einen seither vernachlässigten Bereich der Musik anhand von Klaviermusik erschließen. Dabei schwingt die Tatsache mit, dass es Komponistinnen in dieser Epoche sehr schwer hatten, sich gegenüber ihren männlichen Kollegen durchzusetzen. Am Beginn des Albums erklingen Stücke der Französinnen Louise Farrenc (1804 – 1875) und Emilie Mayer (1812 – 1883), die stilistisch der damals beliebten Salonmusik zuzuordnen sind.
Mit der vorliegenden Neuerscheinung gibt das Wang-Zadra Duo, bestehend aus dem Saxophonisten Zhao Wang und dem Gitarristen Roberto Zadra, sein CD-Debüt. Die beiden jungen Musiker präsentieren vier eher kompakte Werke vorwiegend aus dem 21. Jahrhundert, zwei von ihnen Originalkompositionen, die beiden anderen Bearbeitungen aus der Feder von Zadra. Am Beginn der CD steht die Sonate für Gitarre und Saxophon (2011) des US-Amerikaners Russell Peterson (Jg. 1969), selbst u.a. Saxophonist zwischen Klassik und Jazz. Davon zeugt auch seine Sonate, die in drei kurzen Sätzen zu jeweils vier Minuten deutlich vom Jazz geprägt ist, speziell in den Ecksätzen mit spannungsvoller Note und effektvoller Dramatik, kontrastiert von einem frei-elegischen Mittelsatz. Ist hier also Jazz die wesentliche Inspiration, so baut das folgende Werk des chilenischen Gitarristen Javier Contreras (Jg. 1983) auf lateinamerikanischer Folklore auf.
Antonio Vivaldi komponierte La fida ninfa 1732 für die Eröffnung des Theaters der Accademia Filarmonica von Verona, für dessen Neubau sich der adlige Universalgelehrte Francesco Scipione Maffei (1675-1755), der auch das Libretto verfasste, vehement und unter erheblichem Zuschuss von eigenen Mitteln eingesetzt hatte. Gut, dass Chiara Cattani mit dem Barockorchester Jung jetzt auf cpo einen Live-Mitschnitt vorlegt, der binnen einer einzigen Aufführung während der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik 2023 entstand, denn die einzige höheren Ansprüchen genügende Einspielung von 2008 unter Jean Christophe Pinosi ist mittlerweile gestrichen.
Der Oboist Juri Vallentin, Jahrgang 1990, hat sich in den vergangenen Jahren rapide einen Namen gemacht; Marksteine sind u.a. der XVI. Internationale Tschaikowski-Wettbewerb 2019 (6. Platz in der Kategorie Holzblasinstrumente) sowie seine Berufung zum Professor für Oboe an der Hochschule für Musik Karlsruhe im Alter von erst 30 Jahren. Die vorliegende CD, „Rush‟ betitelt, ist sein viertes Album, und wie es für ihn charakteristisch ist, möchte Vallentin auch hier Grenzen überschreiten, ein Programm anbieten, das eigene, durchaus ungewohnte Schwerpunkte setzt. In diesem Falle bedeutet das erst einmal, dass er ein Barock-Album mit Konzerten von Platti, Marcello und Vivaldi um Arrangements von Popsongs aus jüngster Zeit ergänzt; ihm zur Seite steht dabei das ensemble reflektor.
Singknaben der St. Ursenkathedrale Solothurn • Tobias Stückelberger
Rondeau ROP6263
1 CD • 78min • 2024
11.03.2025 • 9 9 9
Es gibt die Regensburger Domspatzen, den Leipziger Thomanerchor, den Dresdner Kreuzchor, die Wiener Sängerknaben – alles traditionsreiche Knabenchöre. Und dann gibt es einen ebenso traditionsreichen Knabenchor, der etwas unter dem Radar fliegt: die Singknaben der St. Ursenkathedrale Solothurn. Dieser Knabenchor gründet auf der mittelalterlichen Schola des St. Ursenstiftes, die bereits 742 erstmals erwähnt werden, ist damit der älteste Knabenchor der Schweiz und mit einer der ältesten Knabenchöre Europas. Bis weit ins 20. Jahrhundert beschränkte sich der Chor darauf, einstimmig die lateinische Messe zu singen. Erst Peter Scherer baute ab 1971 den Knabenchor zu einem repräsentativen Chor aus, 2007 leitete Andreas Reize den Chor, der dann Leiter des Thomanerchores wurde, seit 2021 leitet Tobias Stückelberger die Singknaben von Solothurn
Ludwig van Beethoven steht hier im Zentrum einer Auswahl von Streichquartetten, die in der Zeit von 1810 bis 1812 entstanden sind. Dabei gibt sein eigenes f-Moll-Quartett op. 95 den Ton an, ein Werk, das der Komponist selbst als „Quartetto serioso“ bezeichnet hat und das seiner Meinung nach als besonderes Stück nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war.
Bei Folge 17 seiner „Nordic Journey“ ist der amerikanische Organist James D. Hicks mittlerweile angelangt. Wie auf den vorigen 16 CDs widmet sich Hicks alter und neuer Orgelmusik aus nordischen Gefilden – wobei der Begriff zuweilen eher weit als eng gefasst ist. Das Baltikum ist beispielsweise mit einigen Komponisten vertreten, ebenso wie Norddeutschland. Folge 17 aber besinnt sich auf die Kerngebiete: Schottland, Dänemark inklusive der Faröer, Island und Norwegen. Das ist zuweilen durchaus weit gefasst, etwa wenn der amerikanische Komponist Aaron David Miller eine effektvolle North Atlantic Fanfare oder der Norweger Mons Leidvin Takle Arrangements von Stücken Oscar Petersons beisteuern. Insgesamt ist die Mischung aber ebenso spannend wie abwechslungsreich, dies insbesondere, weil nicht wie sonst so oft die üblichen Schlachtrösser des Repertoires aneinandergereiht werden, sondern Hicks wirklich echte Raritäten ausgräbt oder – auch das eine spannende Angelegenheit – neue Werke in Auftrag gibt.
Arsenis Selalmazidis, Violin • Tamara Elizbarashvili, Piano
Ars Produktion ARS 38 678
1 CD • 57min • 2021
08.03.2025 • 8 8 8
Der griechische Geiger Arsenis Selalmazidis ist beim Sinfonieorchester Münster als Erster Konzertmeister engagiert. Für sein Debütalbum hat er Werke von Fauré, Schnittke und Ravel ausgewählt, denen er drei Eigenkompositionen gegenüberstellt. Seine Klavierbegleiterin ist die georgische Pianistin Tamar Elizabarashvili. Als roten Faden zwischen den stilistisch sehr verschiedenen Stücken empfindet Selalmazidis deren melancholischen Charakter. Ernst und gelassen wirkt sein eigenes, titelgebendes Capriccio Malinconico, das im Gewand einer barocken Partita daherkommt. Tatsächlich melancholisch klingt anschließend Gabriel Faurés vielfach bearbeitetes Harfenlied Après un rêve. Die Fassung für Geige und Klavier bietet Selalmazidis Gelegenheit, elegische, weit ausholende Melodielinien mit geschmackvoll-dezentem Vibrato zu spinnen.
Obwohl Bach als ausübender Musiker eine Vielzahl Instrumente beherrschte, spielte er die Laute nicht. Dennoch hat er ein zwar kleines, aber exquisites Œuvre für das Instrument hinterlassen, und seine idiomatische Vertrautheit mit der Laute dürften nicht zuletzt Ratschläge des bedeutenden Lautenisten Silvius Leopold Weiss (1687-1750), mit dem Bach freundschaftlich verbunden war, befördert haben. So sind Bachs Kompositionen für Laute solo, von denen Jadran Duncumb hier seine zweite Einspielung vorlegt, als bedeutendes Beispiel spätbarocker Literatur für dieses empfindsame Instrument zu werten, bevor es im weiteren musikalischen Schaffen des 18. Jahrhunderts in eine gründliche Vergessenheit geriet – erst mit der historisch informierten Musikbewegung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts konnte die reiche Literatur für die Laute wieder eine angemessene Wertschätzung erreichen.
Musik für Trompete & Klavier Helmut Fuchs, Trompete • Lilly Zhan-Sowa, Klavier
Thorofon CTH2685
1 CD • 77min • 2024
06.03.2025 • 9 10 9
Die Konzeption dieser CD ist komplex: Helmut Fuchs, der aus Salzburg stammende Solo-Trompeter der Sächsischen Staatskapelle Dresden, wollte wohl mit der aus China stammenden und in Salzburg lebenden Pianistin Lilly Zhang-Sowa zusammen ein Album konzipieren. Allerdings ist das Repertoire für Trompete/Klavier ist nicht besonders eindrucksvoll. Helmut Fuchs ist aber musikhistorisch fündig geworden: Karl Pilß (1922-1979), in Wien geboren und lebend, war ein Pianist und Komponist, der den Staatsopernchor in Wien geleitet hatte, an der Staatsoper Solokorrepetitor und bei den Salzburger Festspielen Studienleiter war. Er hat ein Trompetenkonzert komponiert, wie auch Oskar Geier (1889-1952). Der „missing link“ der beiden Komponisten ist Richard Strauss: Pilß arbeitete mit Strauss zusammen, als der Direktor der Wiener Staatsoper war, Geier war Bratschist in der Sächsischen Staatskapelle Dresden, die auch von Strauss geleitet wurde – daher der CD-Titel „Von Wien nach Dresden“.
Wer sich Musik zum Meditieren oder Klänge zum Genießen wünscht, der liegt mit dem neuen Album von Alexandra Sostmann richtig. Die 1970 geborene deutsche Pianistin versteht es, Klaviermusik aus verschiedenen Epochen auf einfühlsame, sensible Weise zum Klingen zu bringen, wobei sie Bekanntes, selten zu Hörendes und neue, ihr gewidmete Stücke, kombiniert. Johann Sebastian Bach ist, wie so oft, ein Angelpunkt, wenn auch in romantisierender Form: Die dreistimmige Sinfonia in g-Moll BWV 797 erklingt wie ein lyrisches Stück, das Choralvorspiel Ich ruf zu Dir, Herr Jesu Christ BWV 639 wird in Ferruccio Busonis Bearbeitung zum Lied ohne Worte, und August Stradals Übertragung des langsamen Satzes aus der Orgelsonate BWV 528 erscheint fast wie ein Intermezzo von Brahms.